Interview-Serie mit Selbstständigen

20Min Portfolio

Diese drei Interviews erschienen im Frühling 2016 bei 20 Minuten.

«Ich hätte mir früher ein Spezialgebiet gesucht»

von G. Hummel – Leserin Tina Sturzenegger gibt im Interview einen Einblick, wie sie als Food-Fotografin den Sprung in die Selbstständigkeit geschafft hat.

Im April drehen sich die «Leser stellen sich vor»-Interviews um vier Leserinnen und Leser, die sich erfolgreich selbstständig gemacht haben. Tina Sturzenegger ist 37 Jahre alt, lebt in Zug und arbeitet seit nunmehr sieben Jahren selbstständig als Fotografin. Von den positiven Seiten und auch von den schwierigen Zeiten der Selbstständigkeit erzählt sie im Interview.

Tina, wieso hast du dich auf unseren Aufruf gemeldet?
Tina Sturzenegger: Ich möchte meine Geschichte und wie ich die Fotografie als Liebe meines Lebens kennengelernt habe, gern teilen. Auch, dass Selbstständigkeit nichts mit «laying around and drinking Margaritas» zu tun hat.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich habe ein betriebswirtschaftliches Studium gemacht und dann auf einem Beruf gearbeitet, der okay und gut bezahlt war. Dann wurde mein Vater schwer krank und war sechs Wochen auf der Intensivstation. Das war der Punkt, an dem ich mich gefragt habe, ob ich überhaupt glücklich bin mit meinem Leben. In den darauffolgenden Ferien habe ich erkannt, dass mir das Fotografieren unglaublich viel gibt.

Konntest du es damals schon?
Natürlich nicht! Die Fotos von damals hatten nichts mit dem zu tun, was ich heute mache. Aber es hat mir einen Anstoss gegeben. Ich habe mir schliesslich alles autodidaktisch beigebracht.

Was waren die ersten Erkenntnisse, als du dich 2009 schliesslich selbstständig gemacht hast?
Es ist nicht alles Pommes und Disco. Die Kosten sind sehr hoch: Die ganzen Versicherungen, Fixkosten und Investitionen ins fotografische Material, die man auf einmal selbst bezahlen muss – und niemand bringt einem Kaffee ans Pult. Aber natürlich ist es das wert. Die zweite und wichtigste Erkenntnis: Wirklich niemand hat auf mich gewartet. Es hat eine Weile gebraucht, bis ich meinen Stil gefunden hatte und die Kunden mich deshalb wollten.

Wie lange ging das?
Etwa drei bis vier Jahre. Damit muss man sicher rechnen. In dieser Zeit macht man auch viele Aufträge, die man vielleicht nicht allzu gern macht. Aber man lernt extrem viel daraus!

Würdest du heute etwas anders machen?
Ich würde mich wohl schon früher auf ein Spezialgebiet fokussieren. Ich mache heute hauptsächlich Corporate Portraits und Food-Fotografie. Daneben habe ich mein persönliches, verrücktes Foto-Projekt, für das ich Tiere mit Blumenkränzen fotografiere.

Wie kamst du denn darauf?
2014 habe ich sehr viel Lana del Rey gehört, die trug doch immer Blumenkränze. Ich brachte ihre Songs einfach nicht aus dem Kopf. Aus dem Wortspiel «Lama del Rey» entstand irgendwie die Idee. Ich habe schon Pferde, Schafe, Alpakas und Ponys mit Blumenkränzen fotografiert. Zurzeit bin ich auf der Suche nach sozialisierten Hirschen oder Rehen – aber das ist ziemlich schwierig. Und ich will die Tiere ja nicht zwingen.

Was gefällt dir sonst noch an deinem Job?
Gratis Essen! Nein, Spass beiseite. Es ist unheimlich abwechslungsreich. An einem Tag stehe ich im Schafstall, am anderen Tag fotografiere ich in London für eine grosse Bank. Dieser Mix ist total spannend.

Hast du einen Tipp für Menschen, die sich selbstständig machen wollen?
Wenn man es wirklich will, soll man es unbedingt versuchen. Aber es ist wichtig, sich gut vorzubereiten. Ausserdem ist es sehr hilfreich, wenn man mit finanziellen Rücklagen in die Selbstständigkeit startet, um die ersten ein bis zwei Jahre über die Runden zu kommen.

Aber du würdest es wieder tun?
Ich bin eine alte Romantikerin und würde es wieder tun. Denn jetzt ist es so erfüllend, dass es sich gelohnt hat.

 

«Ich kann mich ständig neu erfinden»

von G. Hummel – Doris Andres hat sich vor über 20 Jahren selbstständig gemacht. Im Interview erzählt sie, wie sie Forex Trading, Familie und die Finca in Spanien unter einen Hut bringt.

Doris, worin siehst du die Vorteile der Selbstständigkeit?
Doris Andres: Ich kann mir meine Zeit selbst einteilen und Familie und Beruf einfacher unter einen Hut bringen. Ich arbeite, wann und wo es mir passt. Ausserdem kann ich extrem kreativ sein und mich ständig wieder neu erfinden.

Wie kamst du dazu, dich selbstständig zu machen?
Ich habe mich verliebt. Mit 27 habe ich meinen heutigen Mann im Geschäft kennen gelernt und er meinte, ich könne mich mit meinen Fähigkeiten doch selbstständig machen. Von selbst wäre ich nie darauf gekommen, in meiner Familie ist das zum Beispiel gar nicht typisch, sie ist sehr sicherheitsbewusst.

Und dann hast du deinen Job aufgegeben?
Ich habe einfach gekündigt und mir gar nicht gross Gedanken darüber gemacht. Ich konnte sofort als Freelancerin auf eigenen Beinen stehen, auch finanziell. Als Versicherungsmathematikerin entwickelte ich unter anderem Lernsysteme und Sozialversicherungs-Analysetools. Man muss dazu sagen: Damals hatte ich auch noch keine Verantwortung gegenüber einer Familie.

Was machst du heute beruflich?
Das sind grob gesagt zwei Dinge: Forex Trading, also Währungshandel. Ich entwickle Strategien, programmiere diese als Expert Advisor und gebe sie als Signale weiter. Ausserdem betreiben wir eine Finca in Spanien. Grundsätzlich versuche ich immer, das Technische mit Menschen zu kombinieren. Das schaffe ich ziemlich gut.

Du hast eine Finca in Spanien?
Ja, gemeinsam mit meinem Mann. Unser Leben spielt sich in der Schweiz und in Spanien ab. Auf der Finca, ein kleines Hotel mit eigener Weinproduktion, ist es uns wichtig, diese nachhaltig zu betreiben, die Gäste zu verwöhnen und nicht unbedingt die Massen zu uns zu führen. Daneben richten wir immer wieder grössere Events aus wie zum Beispiel Hochzeiten. Ausserdem sind wir dank Solarenergie und Biomasse energietechnisch Selbstversorger.

Wie muss man sich denn einen typischen Arbeitstag bei dir vorstellen?
Im Normalfall stehe ich um 7 Uhr auf und lese bereits im Bett die Wirtschaftsnachrichten. Dann gibts einen Stehzmorge mit der Familie. Danach arbeite ich an den Handelssystemen und führe Kundengespräche. Anschliessend setze ich mich mit meinem Mann zusammen und wir besprechen, was an diesem Tag und in nächster Zeit geschäftlich oder auf der Finca ansteht. Wir arbeiten fast ausschliesslich von zu Hause aus.

Gibt es auch negative Seiten der Selbstständigkeit?
Es kommt immer in Wellen. Die Hochs und Tiefs als Selbstständiger sind sicher viel intensiver als bei einem Angestellten. Wenn es mal wieder richtig mühsam oder stressig ist, denke ich mir manchmal schon: «Warum hast du nicht einen normalen Job?» Aber das geht auch immer ganz schnell vorbei. Zudem: Bezahlte Mutterschaft und Krankheit gibt es in der Selbstständigkeit nicht und daher ist es ein absolutes Muss, dass der Partner einen unterstützt.

Was empfiehlst du Menschen, die sich selbstständig machen wollen?
Zuerst ein Brainstorming machen: Was kann ich gut und was mache ich gern? Wichtig dabei ist, dass einen die Idee ernähren kann und dass das Umfeld mitmacht. Für mich war die Vereinbarkeit mit der Familie immer sehr wichtig. Dann eine Marktstudie machen: Was gibt es schon? Wie machen die es? Wie könnte ich es besser machen? Dann einen Businessplan erstellen und finanziell nicht zu grosse Risiken eingehen. Ich setze immer einen «Stop Loss»-Punkt fest – beim Trading und bei Projekten: Wenn ich zu viel Geld verliere oder Projekte nicht die gewünschten Resultate hervorbringen, höre ich noch im richtigen Moment auf damit.

Würdest du gewisse Dinge rückblickend auf die letzten 20 Jahre anders machen?

Nicht wirklich. Denn jeder Weg führte mich immer irgendwie weiter, ich sah nie etwas als Scheitern an. Ausserdem ist es mir wichtig, Ideen nicht zu zerstören, nur weil sie gerade aus irgendeinem Grund nicht umsetzbar sind. Dann ist der Weg falsch, aber nicht die Idee selbst.

 

«Man hat öfter versucht, mich auszubremsen»

von G. Hummel – Marc Zürcher ist 23 Jahre alt und hat schon vier Angestellte. Warum er oft bis vier Uhr morgens arbeitet und trotzdem glücklich ist.

Er war gerade mal ein Teenager, als er anfing, mit Mofaersatzteilen zu handeln. Heute mit nur 23 Jahren gehört Marc Zürcher zu den wichtigsten Playern in der Schweiz. Obwohl er regelmässig bis spät in die Nacht arbeitet, hat er es nie bereut, sich selbstständig gemacht zu haben.

Marc, warum hast du dich bei uns gemeldet?
Um den jungen Leuten zu zeigen, was man machen kann, damit man am Montagmorgen mit einem Lächeln in die Woche startet. Und dass man auch mit wenig finanziellen Mitteln und ohne Studium etwas bewegen und erreichen kann.

Wie hat die Selbstständigkeit bei dir angefangen, was war die Initialzündung?
Als ich mit 15 in die Lehre als Polymechaniker ging, holte sich mein Kollege ein Töffli. Ich wollte unbedingt auch so ein Kultobjekt haben. Also habe ich mir eins gekauft. Als ich dann Ersatzteile brauchte, stellte ich fest, dass das Angebot der Schweizer Händler nicht ganz dem entspricht, was wirklich gebraucht wird. Folglich habe ich verschiedene Teile selbst hergestellt und beschafft. So entstand innert weniger Wochen ein Onlineshop mit anfänglich fünf oder zehn Artikeln.

Und dann?
Ich bin einfach immer drangeblieben, habe geschaut, dass ich mich von der Konkurrenz abhebe und Komponenten liefern kann, die der Markt braucht. Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür dafür und knüpft Kontakte auf der ganzen Welt. Seit meinem Lehrabschluss 2012 bin ich Vollzeit selbstständig. Mittlerweile habe ich vier Angestellte und bin immer auf der Suche nach guten Leuten. Auch das Sortiment ist gewachsen, dieses besteht heute aus über 6000 ab Lager lieferbaren Artikeln. Und es werden täglich mehr.

Du bist sehr jung. Was sagen deine Freunde dazu, dass du selbstständig bist?
Viele Kollegen sind Studenten, die müssen sich ab und zu dumme Sprüche von mir als Steuerzahler anhören (lacht) – und sie zünden mich an, weil ich sehr viel arbeite. Manchmal fühle ich mich auch ein bisschen älter, da die Herausforderungen und Verantwortung meist nicht mit denen von gleichaltrigen Personen zu vergleichen sind. Im Grossen und Ganzen klappt aber alles ganz gut und man kann gegenseitig voneinander profitieren.

Welches waren die schwierigen Zeiten deiner Selbstständigkeit?
Finanziell gesehen hatte ich es gut, da ich einfach immer investiert habe, was vorhanden war, und noch keine grossen Fixkosten anfielen. Mit der Konkurrenz gab es eher Schwierigkeiten. Ich wollte von Anfang an mitmischen und bin auf Strukturen gestossen, die teilweise seit 20 oder 30 Jahren bestehen. Des Öfteren hat man deshalb versucht, mich auszubremsen. Aber das hat mich nur noch mehr angespornt, um auf anderen Wegen an meine Ware zu kommen. Mittlerweile geben wir den Takt an und die Konkurrenz muss agieren, um nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Gibt es etwas, was du anders gemacht hättest?
Vielleicht früher schon Personal eingestellt, aber das braucht auch eine gewisse Reife. Also nein, eigentlich nichts.

Wohin willst du in den nächsten paar Jahren?
Das nächste grosse Ziel ist, eine eigene Geschäftsimmobilie zu bauen. Ausserdem will ich meine Arbeitszeit etwas reduzieren – diesen Sommer gehe ich seit langem auch mal wieder richtig in die Ferien. Wie lange letztendlich der Hype um die Töffli als Lifestyle-Objekt noch anhält, kann ich nicht beurteilen. Mit Sicherheit kann ich jedoch sagen, dass mir mit den gesammelten Erfahrungen, geknüpften Kontakten und dem unternehmerischen Denken niemals langweilig wird und sich immer wieder eine Tür öffnet.

Was braucht jemand, der sich selbstständig machen will?
Leidenschaft ist das A und O. Sich nie unterkriegen lassen und immer wieder aufstehen. Auf gute Tipps hören, sich aber nichts ausreden lassen – denn wenn man etwas wirklich will, dann kann man sehr vieles erreichen.

20Min Portfolio
Ein Bild von Fotografin Tina Sturzenegger.

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