Interview-Serie mit Langzeitreisenden

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Diese vier Interviews erschienen im Sommer 2015 bei 20 Minuten.

«Die Welt ist nicht so gefährlich, wie es scheint»

von G. Hummel – Claudio Sieber ist ein waschechter Weltenbummler. Mit seiner Kamera bereist er die Welt und lernt dabei vor allem sich selbst kennen.

Claudio, was ist das Wichtigste in deinem Gepäck?
Ein T-Shirt, das ich mindestens jeden zweiten Tag trage, die elefantöse Kameraausrüstung und mein gefälschter Studentenausweis.

Was hast du schon nach kurzer Zeit auf der Reise weggegeben?
Meine Uhr hat mir in Südamerika sowieso nichts genützt, die italienische Kaffeemaschine und den geregelten Tagesablauf.

Wo befindest du dich jetzt?
Ich bin seit zwei Monaten in Nepal. Mit den Fingern im abendlichen Dal Bhat manschen, einsame Bergwege abtreten, Land und Leute unterstützen und konsumieren: Der Reisebatzen ist in Nepal gerade jetzt richtig ausgegeben, denn seit dem Erdbeben und den medialen Nachwehen kommt niemand mehr, obwohl alles in Ordnung ist.

Wie hast du dich auf die Reise vorbereitet?
Sich von seiner Heimat abzumelden, birgt ekligen Bürokram. Die Visa-Fragen abzuklären, war sicher nicht verkehrt. Zusätzlich ein strenges 6-Jahres-Haushaltsbudget, Rappen spalten und aufs Land ziehen.

Warum hast du diese Route gewählt?
Sechs Monate die gleiche Sprache, verschwenderische Natur, kein Visum-Schnickschnack – Südamerika war ein optimaler Start! Sommer und Herbst waren ideal für einen Road-Trip quer durch die USA. So endet man im kanadischen Winter, fliegt dann für wenig Geld in die Ferien nach Hawaii und kommt erholt zur Kirschblütensaison nach Japan. Der Rest ergab sich irgendwie.

An welchen Ort würdest du sofort zurückkehren?
In die Lagunenlandschaft Lencois Maranhenses in Brasiliens Norden, wo ich barfuss mit dem Zelt unterwegs war.

Wer ist die aussergewöhnlichste Person, die du bis jetzt kennengelernt hast?
Mir fällt spontan John K. ein. Der 53-jährige amerikanische Aussteiger wandert seit sechs Jahren alle isolierten Pfade ab und durchforstet täglich im Gratis-Wi-Fi von McDonald’s Satellitenbilder nach nahegelegenen Wäldern. «Eine Gratis-Übernachtung ist gleich ein Tag mehr reisen», meint er. Nicht gerade mein Reisevorbild, aber ein brillanter Geschichtenerzähler.

Andere positive Erlebnisse?
Die positivsten Erlebnisse sind stets diejenigen, die direkt nach den negativen folgen. Lösungen, die sich ergeben, wenn etwas gerade aussichtslos erscheint, und natürlich die daran beteiligten Menschen.

Und wo liegt der Haken respektive das Negative?
Das stetige Gefühl, dass die Erde einfach zu gross ist, egal, wie viel Zeit man hat.

Womit beschäftigst du dich unterwegs?
Ohne Hobby oder Arbeit geht vielen unterwegs der Schnauf aus. Der ungebrochene Entdeckungs- und Wissensdurst ist mein Motivator. Aber als tüchtiger Schweizer bin auch ich nicht gefeit vor Langeweile. Schon vor der Abreise habe ich mich dazu entschieden, die Schönheiten und Kuriositäten unserer Welt bestmöglich festzuhalten. In Schrift und vor allem in Bild auf Blog und Website (siehe Steckbrief).

In deinem Blog steht: «Die wahre Kunst des Reisens besteht darin, jeden Tag, jede Sekunde zu geniessen, die Gegenwart zu leben und zu lieben.» Wie schaffst du das?
Wie der nächste Tag wird und was für Menschen ich dabei kennenlerne, ist immer eine Überraschung. Folglich auch nicht immer einfach. Also bescheiden sein und vor allem: akzeptieren. Wer schon bei 50 Grad in einem unklimatisierten Lotter-Bus durch Rajasthan gefahren ist – begraben unter der Hälfte eines dicken Inders – ahnt, was ich meine.

Da steht auch, dass Reisen bildet: Was hast du gelernt?
«Du kannst ein Buch kaufen, aber nicht das Wissen», sagen sie in China. Wer aber mit offenen Augen und Ohren die Welt bereist, dem werden täglich Geschichten erzählt. Ich lerne, wieso Dinge sind, wie sie sind. Ohne meinen Blog könnte ich das kaum alles verarbeiten. Darüber hinaus lernt der Weltenbummler während der Reise auch sich selbst deutlich besser kennen.

Welchen Ratschlag gibst du Menschen, die auch gerne so eine Reise antreten wollen?
Abreisedatum nageln, ein fettes Sparschwein aufstellen und dann raus aus der Komfortzone! Es lohnt sich. Die Welt ist nicht so gefährlich, wie es scheint. Aber Achtung, die Suchtgefahr ist gross.

Familienferien entlang der Seidenstrasse

von G. Hummel – Wie ist es, mit kleinen Kindern Länder wie Kasachstan oder den Iran zu bereisen? Claudio und Martina Arnold berichten von ihrem Trip.

Claudio Arnold, wo befinden Sie sich jetzt?
Wir sind seit Kurzem zurück in der Schweiz. Die letzten zehn Tage waren wir in Griechenland am Strand und haben uns prächtig erholt.

Beginnen wir von vorn: Warum haben Sie diese Reise angetreten?
Es war schon lange mein Traum, einmal die sagenumwobene Seidenstrasse zu bereisen. Weiter hegten meine Frau und ich den Wunsch, einmal eine lange Reise gemeinsam mit den Kindern zu machen.

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Wir haben vor rund eineinhalb Jahren mit der Planung der Reise begonnen (Geschäft, Stellvertretungen in Projekten, Bewilligung der Schulpflege für Andri, Visa etc.). Für die Reiseplanung haben wir die Route genau vorbereitet, im Wissen, dass wir für den Schulanfang, die Arbeit und den Kindergarten wieder retour sein müssen.

Sie waren drei Monate unterwegs. Gingen die Kinder während dieser Zeit nicht zur Schule?
Für Andri (9) haben wir mit seiner Lehrerin den Stoff, welcher in der Klasse behandelt wird, besprochen und mitgenommen. Einer der Erwachsenen hat jeweils am Vormittag mit ihm Aufgaben gemacht, der andere erledigte sonstige Arbeiten mit den zwei Kleinen wie einkaufen, waschen oder spielen. Ein wesentlicher Teil war das Schreiben des Tagebuchs.

Worauf muss man auf dieser Route besonders achten?
Man bereist diverse Klimazonen: Wüste mit über 50 Grad im Schatten, Meer, Gebirge mit Schnee deutlich über 4000 Meter über Meer. Da hat man sich – und das Fahrzeug – entsprechend auszurüsten. Die politische Situation der Region und der einzelnen Länder ist regelmässig zu studieren und abzuwägen, allenfalls muss man die Route anpassen. Die lange Vorbereitungszeit und die Auseinandersetzung mit den Ländern hat uns dabei geholfen.

Was ist das Positivste, das Sie erlebt haben?
Der Iran leidet unter dem Embargo, es gibt keine/kaum westliche Waren zu kaufen. Trotz allem, die Menschen sind uns ohne Ausnahme sehr freundlich, unheimlich offen und hilfsbereit begegnet. Sie sind sehr interessiert, stellen Fragen und wollen wissen, wie der Iran im Westen wahrgenommen wird. Wir haben im Bazar einen älteren Herrn nach dem Weg gefragt. Ohne zu zögern hat er uns den Rest des Tages begleitet. Ob im Museum oder beim Nachtessen, überall wollte er uns einladen. Er war einfach nur stolz, uns sein Land zu zeigen.

Haben Sie auch negative Erfahrungen gemacht?
Glücklicherweise hatten wir überhaupt keine Probleme. Martina hat mal die Kaffeemaschine überhitzt. So mussten wir drei Wochen auf Espresso verzichten (lacht).

Welchen Ort würden Sie sofort wieder besuchen?
Den Iran! Kulturell bietet das Land Fantastisches. Landschaftlich hat uns besonders das gebirgige und wilde Tadschikistan begeistert. Als wir nachts um 22 Uhr die Grenze von Usbekistan her überquert haben, haben uns die Zöllner von Tadschikistan freudig begrüsst und vor irgendwelchen Formalitäten zuerst zu einer Wassermelone eingeladen.

Sie reisen durch Länder, die viele für gefährlich halten würden. Was antworten Sie diesen Leuten?
Uns war klar, dass wir als Familie mit drei kleinen Kindern keine unnötigen Risiken eingehen wollen. Es lohnt sich, vorgängig auf «einfacheren Reisen» Erfahrungen zu sammeln. Dann ist eine gute Vorbereitung wichtig. Im Internet kursieren viele wilde Geschichten. Die Realität ist häufig nicht ganz so wild. Dennoch ist es eine gute Informationsquelle, die es abzuwägen gilt. Die besten und aktuellsten Informationen erhält man unterwegs von anderen Reisenden. Vor Ort ist dann die Erfahrung und das Bauchgefühl ausschlaggebend.

Welchen Ratschlag geben Sie Menschen, die auch gerne so eine Reise machen wollen?
Je besser man sich vorgängig mit den Ländern und Kulturen auseinandersetzt, umso mehr kann man schlussendlich geniessen und erleben. Offenheit für Neues, Begeisterungsfähigkeit und Respekt vor fremden Kulturen bilden die beste Voraussetzung für ein fantastisches Reiseerlebnis.

Und welchen Ratschlag geben Sie Familien, die mit kleinen Kindern auf eine Langzeitreise wollen?
Die Reiseplanung und Route ist auf die Kinder abzustimmen. Mit gegenseitigem Verständnis, Respekt und Geduld funktionierts. Oft sind es nicht die Kinder, welche Schwierigkeiten machen, sondern vielmehr die Eltern. Kinder sind sehr anpassungsfähig und immer interessiert an Neuem, was teilweise die Nerven der Eltern strapaziert, aber auch oft zu neuen Begegnungen führt.

Im VW-Camper auf der Panamericana unterwegs

von G. Hummel – Pamela und Andreas Hutter bereisen mit ihrem VW-Bus und Hündin Kalea seit zehn Monaten Südamerika. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Pamela und Andreas, wo seid ihr gerade?
Wir befinden uns gerade in Ecuador und werden gleich auf die Galapagos-Inseln fliegen.

Warum habt ihr euch für eine Reise entlang der Panamericana entschieden?
Da Pam schon immer einmal nach Südamerika wollte und mein Herz für Nordamerika schlägt, war unser Panamericana-Abenteuer rasch perfekt!

Wie habt ihr euch vorbereitet?
Wir haben das über mehrere Jahre geplant, haben unseren VW-Bus gekauft und diesen mithilfe von mehreren Seiten bereit für unsere Grossreise gemacht. Wir haben beide Vollzeit gearbeitet, jeden Monat konsequent gespart und natürlich auch auf das eine oder andere verzichtet.

Ihr seid jetzt zehn Monate unterwegs. Wann wollt ihr etwa zurück sein?

Wir sind sicher noch eine Weile unterwegs und im Moment ist noch kein Ende in Sicht! Wer weiss: Vielleicht gehts ja anschliessend noch einen Kontinent weiter. Die internen Verhandlungen laufen jedenfalls auf Hochtouren!

Womit hättet ihr nicht gerechnet, als ihr die Reise angetreten habt?
Die Gastfreundschaft der Südamerikaner hat unsere Erwartungen um ein Vielfaches übertroffen!

Was war das Positivste, das ihr bis jetzt erlebt habt?
Als uns eine brasilianische Surferfamilie mit zu sich nach Hause genommen hat und wir über eine Woche mit ihnen leben und surfen durften. Oder als wir auf 3800 Metern mit Einheimischen in Peru für zwei Tage auf den Kartoffelfeldern als erste Gringos mithalfen, die Kartoffeln zu ernten und gleichzeitig vieles über ihre Kultur erfahren konnten.

Wohin würdet ihr sofort zurückkehren?
Definitiv nach Brasilien! In dieses vielseitige Land mit den fröhlichen und gastfreundlichen Menschen haben wir uns schon ein wenig verliebt.

Die schönsten Orte?
Einige Highlights waren bis anhin die Peninsula Valdes in Argentinien mit den vielen Meeressäugetieren, die Besteigung des aktiven Vulkans Villarrica in Chile, Rio de Janeiro, das grösste Feuchtgebiet der Welt namens Pantanal in Brasilien, das auch gleichzeitig mit der höchsten Tierdichte des ganzen Kontinents auffällt, die Wasserfälle von Iguazú in Brasilien und die Inkastadt Machu Picchu in Peru.

Gab es auch unschöne Momente?

Wir lieben alle drei die Wärme und ja, auch in Südamerika braucht man leider die warmen Kleider. Aber im Ernst: Auf so einer Reise ist keinesfalls immer alles nur positiv. Wir sehen vieles, das uns auch zum Nachdenken bringt. Da schätzt man das Leben in der Schweiz umso mehr!

Ihr habt eure Hündin Kalea aus der Schweiz mitgenommen. Wie läuft es mit ihr?

Kalea stets um uns zu haben, ist einfach super. Sie gehört zur Familie, ist immer gut drauf und nicht ganz unwichtig: die perfekte Alarmanlage!

Habt ihr nie das Bedürfnis, etwas anderes zu tun, als zu fahren? Also etwas zu arbeiten?
Bis jetzt ehrlich gesagt noch nicht, aber wir können uns beide sehr gut vorstellen, an einem Ort auch mal eine Weile zu bleiben und zu arbeiten. Wobei man diese Form des Reisens nicht unterschätzen darf. Es gibt doch immer sehr viel zu tun, zu organisieren und es ist definitiv nicht so, dass man permanent auf der faulen Haut liegt.

Und geht ihr euch nie auf die Nerven?
Logisch, wir sind ja 24/7 zusammen, da fliegen halt auch mal die Fetzen und dann ist wieder gut!

Warum lohnt es sich, mit dem eigenen Gefährt nach Amerika zu gehen?
Das eigene, vertraute Fahrzeug dabeizuhaben, ist auch ein Stückchen Heimat. Die Verschiffung lief mithilfe der Reedereien problemlos ab. Wir haben den Bus in Basel in den Container hineingefahren und in Buenos Aires nach einem Monat wieder rausgefahren.

Eure Tipps für jemanden, der auch einmal auf eine grössere Camper-Reise gehen will?

Eine gute und seriöse Vorbereitung in allen Belangen finden wir besonders wichtig. Und, liebe Leute, sagt nicht nur «das würde ich irgendwann auch gerne einmal machen». Macht es einfach!

Mit dem Velo von Nord- nach Südamerika

von G. Hummel – Urs Hochstrasser bereist seit einigen Wochen Amerika mit dem Velo. Die erste Erkenntnis: «Was man benötigt, taucht an der nächsten Ecke auf.»

Urs, du bist nun seit einigen Wochen mit dem Velo von Nord- nach Südamerika unterwegs. Welchen Ratschlag gibst du Menschen, die auch von solch einer Reise träumen?
Es ist wortwörtlich so einfach wie das Fahrradfahren. Starte mit nichts und du merkst, wie wenig du brauchst. Denn egal wie lange und gut du dich vorbereitest, etwas fehlt dir immer. Also los, heute ist DER Tag!

Wie hast du dich darauf vorbereitet?
Drei Jahre träumen, ein Jahr recherchieren und ein Jahr effektiv vorbereiten. Das Fahrrad habe ich nach den Tipps und Tricks meines Mechanikers des Vertrauens selbst umgebaut. Dies dauerte einige Wochenenden, doch jetzt kenne ich jede Schraube und weiss mir bei Pannen jeder Art zu helfen. Ich habe die letzten drei Jahre in einer WG gelebt, dadurch waren meine Lebenshaltungskosten sehr gering und das Geld schnell gespart. Insbesondere, da die Reisekosten fast ausschliesslich aus Essen und Versicherungsprämien bestehen.

Warum mit dem Velo?
Es spricht vieles dafür. Mit dem Velo ist man nahe an Land und Leuten. Es ist eine umweltfreundliche Art, sich fortzubewegen und die moderate Reisegeschwindigkeit überschwemmt einen nicht mit zu vielen Eindrücken. Zudem ist es extrem befreiend, nur wenig Materielles zu besitzen.

Wie fit muss man für eine solche Velo-Reise sein?
Es genügt, sein bepacktes Fahrrad fahren zu können, die Fitness folgt automatisch.

Welche Wartung benötigt dein Velo?
Am wichtigsten ist die Pflege der Kette, diese reinige und schmiere ich mindestens wöchentlich. Sonst ist meine Soletta sehr pflegeleicht und äusserst zuverlässig.

War es hart am Anfang?
Es ging alles sehr schnell: Wohnrat auflösen, letzter Arbeitstag, Auto verkaufen und schon stand ich am Flughafen. Auf einmal war ich unterwegs und die ersten drei Tage waren geprägt durch grosse Euphorie. Am vierten Tag kam mit der Erschöpfung und nach 36 Stunden Dauerregen der «dunkle Tag». Ich sitze allein in meinem Zelt, der nächste Mensch mehr als 100 Kilometer entfernt. Draussen herrscht Weltuntergangsstimmung und ich lasse mich von all den typischen Fragen runterziehen: Wieso machst du das bloss? Musst du jemandem etwas beweisen? Erst die gespeicherte Nachricht einer vertrauten Person reisst mich aus dem Strudel meiner negativen Gedanken. Einige Stunden Schlaf später, erlebe ich einen der schönsten Tage und die erste Begegnung mit einem Grizzly. Seither läuft es richtig rund.

Wo befindest du dich jetzt?
Ich bin in Jasper und erkunde die kanadischen Rockies. Morgen geht es auf eine Tageswanderung und dann beginnt die epische Fahrt auf den Icefield Parkways.

Warum hast du dich für die Panamericana entschieden?
Vor zehn Jahren habe ich mir mit einer Reise nach Australien den grössten Kindheitstraum erfüllt. Dort habe ich mich mit dem Reisefieber infiziert. Danach drängte sich allmählich die Frage auf, was nun? Die unterschiedlichsten Reiseerfahrungen und die Tatsache, dass ich noch nie in Nord- und Südamerika war, schürten mein Verlangen nach diesem Abenteuer.

Du bist noch nicht so lange unterwegs. Worauf freust du dich bereits?
Auf morgen – und das jeden Tag. Die schönsten Dinge sind die unerwarteten.

An welchen Ort würdest du bis jetzt sofort zurückkehren?
Dawson City, die Zeit scheint dort während des Goldrausches stehengeblieben zu sein. Die lokalen First Nations meistern den Spagat zwischen ihren Traditionen und den Einflüssen, die der weisse Mann mit sich brachte. Diese Harmonie ist deutlich spürbar. Ich wurde immer wieder eingeladen und nahm jeweils dankend an. Nach einer Woche kannten mich viele beim Namen und fragten, ob ich einen Job oder eine Wohnung brauche. Da wusste ich, es ist Zeit weiterzuziehen, sonst bleibe ich noch stecken.

Bist du allein unterwegs?
Ja, ich habe die Reise bewusst allein angetreten. Einige Tage war ich mit einem angenehm verrückten Belgier unterwegs, das war ein Spass. Jetzt geniesse ich es noch, allein unterwegs zu sein. Was bisher nur wenige wussten, nur drei Monate vor meiner Abreise lud ich jemanden ein, um diesen Traum gemeinsam zu leben. Jetzt ist es definitiv, ab San Francisco werde ich all die schönen Momente teilen dürfen. Mehr verrate ich noch nicht.

Was ist das Wichtigste in deinem Gepäck?
Abgesehen von den Ortlieb-Radtaschen, die alles trocken halten, sicherlich das Zelt, die Luftmatratze und der Schlafsack. Gut zu schlafen, ist ein Muss.

Was hast du bereits wieder ausgepackt?
Die Bärenglocke. Diese habe ich einem Japaner auf dem Dempster Highway gegeben. Ich traute meinen Augen nicht, als ich ihn auf seinem kleinen faltbaren Fahrrad sah. Er hatte einfache Taschen an sein Rad geschnürt. Seine Freude am einfachen Leben und seine Begeisterung für das Abenteuer waren echt inspirierend.

Welche Erkenntnis kannst du bereits verbuchen?
Was man auch gerade benötigt, taucht um die nächste Ecke auf. Zweimal innert kürzester Zeit verlor mein Hinterreifen langsam Luft. Der Schlauch war beim ersten Mal schnell geflickt, doch der Reifen zeigte keine Spur der Ursache. Es war kurz vor Sonnenuntergang, als ich es das zweite Mal feststellte. Da hält ein Auto vor mir, eine Frau steigt aus und fragt mich, ob ich weiss, wo ich schlafen werde. Sie sei mit ihrem Mann auch viel getourt und beschreibt mir den Weg. Zwanzig Kilometer weiter und dreimal Pumpen später, stehe ich vor einer Blockhütte. Tim, ihr Ehemann, heisst mich willkommen. Beim Abendessen erzählt er mir, wie er als Fahrradmechaniker sein Studium finanzierte. Bei einem kleinen Glas Whiskey schaute er sich den platten Hinterreifen an. Nach geraumer Zeit fand er den verantwortlichen, feinen Draht. Das Frühstück am nächsten Morgen war reichhaltig und vor meiner Weiterreise spielte ich noch einige Runden Uno mit dem kleinen Aziz. Dann hiess es einmal mehr: «Safe Travels!» Diese Gastfreundschaft ist überwältigend und die Häufigkeit, in der ich sie erlebe, überrascht mich immer wieder.

 

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